Mit Robin Wirz sprach Roger Zedi, Tages-Anzeiger, 7. Jan 2013

Robin Wirz berät Firmen bei der Entwicklung von Smartphone- und Tablet-Apps.

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Herr Wirz, auf welche Apps könnten Sie nicht verzichten?
Nebst E-Mail sind News-Apps sehr wichtig, ebenso Google-Maps und die SBB- App, gefolgt von Social-Media-Apps.

Was vermissen Sie aus jener Zeit, als Handys noch keine Apps hatten?
Nichts. Doch Apps haben unser Leben schon verändert. Während man früher noch stundenlang über etwas diskutiert hätte, schaut man heute einfach rasch bei Wikipedia nach.

Man kann sich kaum noch an eine Zeit ohne Apps erinnern, dabei ist der Apple App Store erst vier Jahre alt. Was war denn nun der grosse Clou von Apple?
Es war davor nie so einfach, Apps zu finden und zu installieren. Und es hat funktioniert. Das App-Ökosystem ist wichtiger als das Endgerät an und für sich.

Derzeit sieht es so aus, als ob alle plötzlich eine App anbieten wollen. Wie damals in den 90er-Jahren, als alle erst einmal eine Website haben mussten, die sinnvollen Konzepte aber erst später folgten. Wie durchdacht sind Apps heute?
Wir stehen sicher immer noch am Anfang einer grösseren Entwicklung. Wie gut die Konzepte sind, lässt sich nicht generell sagen.

Ist man bereits auf Sackgassen gestossen?
Es gibt laufend Apps, die wieder verschwinden, das gehört dazu. Apps, die nur die Imagebroschüre einer Firma abbilden, bringen nix. Wenn ich mit der App aber den Barcode eines Produktes einscannen kann, um es zu bestellen, oder mir die Bedienungsanleitungen an- zeigen lassen kann, ist das schon einiges sinnvoller.

Was macht denn eine gute App aus?
Sie muss auf das mobile Nutzerverhalten zugeschnitten sein: kurze Ladezeiten, einfache Bedienung. Das Mass der Dinge nennt sich «ein Auge, ein Daumen», weil man unterwegs oft nur eine Hand frei hat und seine Aufmerksamkeit gleichzeitig noch auf andere Dinge richtet.

Was ist der nächste grosse Schritt bei der Smartphone-Hardware?
Das Thema der Stunde ist NFC, die sogenannte Near Field Communication. Sie baut eine drahtlose Verbindung auf, wenn man zwei Geräte einfach aneinander hält. Damit werden Smartphones zur Kreditkarte oder zum Metroticket. Die grosse Frage ist, ob Apple NFC auch einbaut oder nicht. Und ob die Android-Hersteller daran festhalten und sich NFC-Lesegeräte, etwa in den Läden, rasch genug durchsetzen.

Oder ob nicht einfachere Lösungen wie QR-Codes auf dem Display das Rennen machen. SBB-Tickets auf dem Smartphone funktionieren beispielsweise so, Bordkarten der Swiss auch.
Ja, das ist denkbar. Solche Lesegeräte sind heute stärker verbreitet als NFC-Leser.

Über das Handy als Bezahlinstrument wird viel philosophiert. Was genau ist der grosse Vorteil gegenüber einer herkömmlichen Karte?
Sie müssten weniger Karten mit sich herumtragen. Denken Sie auch an die Kundenkarten, davon hat man rasch mal ein Dutzend, da lohnt es sich bereits.

Ansonsten wird sich aber kaum noch etwas Revolutionäres an der Smartphone-Hardware ändern.
Vor dem iPhone dachte man auch, das Mobiltelefon sei fertig erfunden. Die Eingabemethoden werden sich sicherlich noch verbessern. Es gibt auch die ersten integrierten Beamer – die braucht vielleicht nicht jeder.

Bei den Akkus darf man auch keine Wunder erwarten.
Die verbessern sich schon, aber die Geräte leisten auch immer mehr, was die Vorteile rasch wieder nivelliert.

Ich fände es praktisch, wenn man bei Tablets mehrere Benutzer einrichten könnte.
Das wäre wünschenswert. Bei einigen Android-Geräten geht das bereits. iOS aber ist bisher kein Multi-User-System. Man darf nicht vergessen, dass die Plattformen erst ein paar Jahre jung sind.

Vor ein paar Jahren hiessen die grossen Plattformen Symbian, Blackberry, Palm – heute sind sie verschwunden oder stehen kurz davor. Was haben sie verpasst?
Nebst dem App-Ökosystem auch den Wechsel von den Minitastaturen zum Touchscreen.

Aktuell dominieren Android und iOS den Markt. Wird Windows Phone 8, kurz WP8, zur dritten Kraft?
Das fragen sich alle. Die Vorzeichen stehen gut, die Benutzeroberfläche und die Geräte sind attraktiv, der App-Store ist auf einem akzeptablen Niveau.

Was sagen die Entwickler zu WP8?
Noch warten die meisten ab, das Interesse ist aber grösser als auch schon.

Was müsste passieren, damit sie loslegen?
Der WP8-Marktanteil müsste höher sein. Derzeit liegt er optimistisch gerechnet bei rund 5 Prozent. Ab 10 Prozent wird es interessant, ab 20 Prozent wäre der Damm gebrochen.

Hatte man das nicht alles auch schon bei WP7 gedacht?
Ja, aber die Kunden haben abgewartet. Nun steht und fällt es damit, wie gut die geräteübergreifende Strategie von Windows 8 ankommt, die vom PC über Tablets bis zum Smartphone eine einheitliche Oberfläche anbietet.

Welche Chancen hat diese Idee?
Das Feedback ist gemischt. Völlig ausgereift scheint sie noch nicht zu sein.

Sie beraten auch Grossfirmen, die interne Apps entwickeln. Welche Plattform ist da am gefragtesten?
Firmeninterne Apps werden oftmals für Tablets entwickelt, und da das iPad diesen Markt immer noch dominiert, wird am meisten für iOS entwickelt. Bei den Smartphones wird Android langsam auch zum Muss.

Wie gross ist der Mehraufwand, eine App für mehrere Plattformen zu entwickeln?
Für eine zweite Plattform werden nochmals geschätzte 40 bis 70 Prozent des Erstaufwands benötigt.

Und für eine dritte, beispielsweise für WP8?

Da wäre der Aufwand eher noch höher, weil WP8 anders aufgebaut und weniger ausgereift ist.

Es gibt also eine doppelte Hürde für WP8: kleiner Markanteil und höherer Mehraufwand.
Ja, derzeit trifft das zu. Das gilt allerdings für die meisten neuen Technologien.

Und die Browser-Anwendungen? Die müsste man ja nur einmal in HTML5 entwickeln.
Die Realität bei den Browsern ist nicht ganz so einheitlich, das kennen wir schon vom Desktop. Einmal für alle entwickeln läuft auch bei den Smartphones nicht. Und HTML ist eben auch nicht abschliessend definiert.

Ist HTML5 gescheitert?
Nein. Mobile Websites machen weiterhin Sinn, etwa für einen ersten Kundenkontakt via Smartphone. Und dann gibt es die hybriden Apps, bei denen eine HTML5-Anwendung innerhalb einer spezifischen App läuft.

Statt im Browser läuft sie in einer Container-App, die es für iOS, Android oder WP8 gibt.
Genau. Dieser Ansatz ist zwar auch schwieriger als ursprünglich gedacht, für News-Apps kann er dennoch eine Lösung sein. Wenn es um Leistung geht, etwa bei Spielen, ist eine richtige App immer noch die beste Lösung.

Wann schalten Sie eigentlich Ihr Smartphone aus?
Ich schalte es nie wirklich aus. Zum Schlafen schalte ich es stumm.

Originalartikel:
www.tages-anzeiger.ch

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