Robin Wirz (Gastauthor), Netzwoche, 15. Februar 2012

Die effiziente Verwaltung mobiler Applikationen stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen, die oft unterschätzt werden. Neben der sorgfältigen Planung sind auch zunehmend technische Lösungen nötig, um die Kosten nicht explodieren zu lassen.

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Mit der rasant wachsenden Anzahl 
mobiler Applikationen wird auch 
immer wichtiger, sie effizient zu verwalten. Die Geschichte der
 Websites zeigt, dass das Manage
ment des digitalen Auftritts
 schnell sehr aufwendig wird. Bei 
mobilen Applikationen kom
men neue Faktoren hinzu, die
 den Aufwand für die Verwaltung
 von Apps zusätzlich in die Höhe 
treiben. Wie können Entwickler 
und Unternehmen diesen neuen Anforderungen Herr werden? Mit 
Apples iOS und Googles Android
 sind bereits zwei weitverbreitete Mobilplattformen zu bedienen, bei denen Apps nicht nur (wie
 Websites) browseroptimiert, sondern auch gänzlich separiert erstellt und unterhalten werden müssen. Innerhalb von Android kann die zunehmende Fragmentierung nach Hersteller und Hardwarevarianten sogar mehrere App-Versionen nötig machen. Mit Microsofts WP7 drängt ein weiterer wichtiger Anbieter in den Markt. Diese Vielfalt multipliziert nicht nur die Kosten der Erstentwicklung, sie schlägt auch bei der Verwaltung mobiler Applikationen kräftig zu Buche.

Die rasante Entwicklung mobiler Betriebssysteme und Hardware erfordert regelmässige Aktualisierungen, um die eigenen, mobilen Anwendungen auf dem neusten Stand zu halten. Doch damit nicht genug. Den meisten Unternehmen fehlt auch die Möglichkeit, ihre Apps wirklich effektiv zu kontrollieren, denn mit dem Upload in die App-Stores sind sie am Ende ihrer Einflussmöglichkeit, um Änderungen schnell und direkt auf die Endgeräte zu spielen.

Viele Unternehmen haben heute das strategische Potenzial mobiler Applikationen erkannt und entwickeln umfassende und leistungsstarke Apps, die ganze Geschäftszweige «mobilisieren». Dazu gehören auch immer mehr innerbetriebliche Apps, beispielsweise für Verkaufs- oder Serviceteams. Kurz: Mobile Applikationen werden immer komplexer und stellen völlig neue Anforderungen an Kontrolle und Sicherheit. Dies erhöht natürlich auch den entsprechenden Verwaltungsaufwand.

Mit organisatorischen Anpassungen wie etwa der Zentralisierung von Mobile-Aktivitäten versuchen Firmen, das App-Management in den Griff zu bekommen. Doch gerade diese zentralen Stellen benötigen die richtigen Werkzeuge wie beispielsweise Frameworks oder umfassende App-Management-Systeme, um den oft in Eigenregie einzelner Abteilungen entstandenen Apps wirklich Herr zu werden.

Die richtigen Prioritäten setzen
Im Management wird stets gelehrt, dass eine gründliche Analyse zentral für die Erfolgskontrolle und das Setzen der richtigen Prioritäten ist. Umso erstaunlicher mutet da an, dass heute die wenigsten Apps mit entsprechenden Analysefunktionen (ähnlich einer Webanalyse) ausgestattet sind. Die verschiedenen App-Stores liefern nicht viel mehr als einzelne Daten, wie zum Beispiel die Anzahl neuer Downloads, und lassen App-Anbieter im Unklaren darüber, wie oft die Apps benutzt und welche Endgeräte eingesetzt werden, oder welche Inhalte oder Funktionen populär sind. So steuern oft die eigenen Vorlieben die Prioritäten bei der App-(Weiter-)Entwicklung, statt dass die Entscheidungen auf soliden Markt- und Nutzungsdaten fussen.

Inhalte «mobilisieren» und aktuell halten

Am offensichtlichsten beim App-Management ist die Aktualisierung der Inhalte. Hatten die ersten Apps meist fixe Inhalte, die nur mit einem Update via App- Store aktualisiert werden konnten, gingen primär News-Apps als Erste neue Wege. Sie laden neue Inhalte aus immer gleichen Datenbanken und bieten so stets aktuelle Inhalte, obwohl sie in ihrer Funktionalität statisch sind. Daten müssen entsprechend gespeichert, aufbereitet und womöglich gebündelt werden, damit sie mit der kleinen Bandbreite der mobilen Wirklichkeit schnell und zuverlässig auf den Endgeräten ankommen. Diese Daten werden meist auch andernorts im Unternehmen für wertvolle Inhalte genutzt. Sie für den mobilen Zweck nochmals aufwendig und separat zu pflegen, kann beträchtliche Kosten verursachen. Abhilfe schafft eine entsprechende Infrastruktur, die mit den Datenquellen und Systemen kommuniziert und zusätzlich eine mobil-spezifische Aufbereitung und Übermittlung der Daten erlaubt. Dies schafft denn auch die Basis für ein effizientes Content Management, sei es durch Einbindung bestehender Content-Management-Systeme oder mit App-spezifischen Content-Management-Lösungen.

Zugriff und Nutzung sicher kontrollieren
Mit zunehmenden mobilen Unternehmensaktivitäten steigen auch die Anforderungen an die Sicherheit. Gerade bei Apps mit geschlossenem Nutzerkreis muss eine wirkungsvolle Distribution und Zugriffskontrolle gewährleistet sein. Für unternehmensinterne Applikationen auf Firmengeräten (beispielsweise für den Aussendienst) gibt es bereits Distributionsmöglichkeiten wie etwa das «Apple Enterprise Agreement», doch diese haben auch ihre Nachteile. Sollen solche Apps auch ausserhalb der Firma – bei Partnern oder Kunden – zum Einsatz kommen, bleibt meist nur der Weg über den öffentlichen App-Store.

Passwörter schützen Apps mit sensitiven Inhalten. Das ist zwar relativ sicher, doch sollten mobile Anwendungen auch darüber hinaus kontrolliert werden können, beispielsweise um sie schnell und einfach auf Endgeräten zu blockieren, wenn ihre Nutzung sofort unterbunden werden muss. Eine wirklich umfassende App-Kontrolle eröffnet ausserdem neue Möglichkeiten in der selektiven beziehungsweise personalisierten Nutzung. Nicht nur können verschiedene Inhalte rollenbasiert angezeigt werden, auch kann eine inhaltliche Variation je nach Standort (inkl. GPS-Lokalisation) zusätzliche Sicherheit bringen. Sensitive Daten sind so an bestimmte Orte (z. B. ein Spital) gebunden oder es wird einfacher, gesetzliche Bestimmungen einzuhalten (z. B. Cross-Border-Bestimmungen für Finanzdienstleister).

Auch bei öffentlichen Apps bringt eine variable Distribution Vorteile und neue Möglichkeiten. Gerade bei der Vielzahl an Android-Geräten mit erheblichen Unterschieden in OS-Versionen und der Hardware, wie verschiedene Bildschirmgrössen oder Kameratypen, kann eine Geräteerkennung und entsprechende Anpassung der App das Nutzererlebnis stark verbessern. Mit der variablen Auslieferung bleibt einem die Alternative erspart, mehrere Versionen derselben App im Android Market platzieren zu müssen. Kommt dazu, dass verschiedene Versionen einer App im selben Store nicht nur für die Nutzer verwirrend sind, sondern für den Anbieter auch einen höheren Aufwand im Unterhalt mit sich bringen.

Updates schnell zu den Nutzern bringen
Wie bei den meisten Softwareprojekten werden auch Apps laufend verbessert, erweitert und aktualisiert. Während Software-Updates normalerweise schnell und direkt zum Nutzer gelangen, ist das bei mobilen Applikationen einiges komplizierter. Einerseits muss ein erneuter Review-Prozess bei Apples App-Store durchlaufen werden, andererseits bedeuten bereits das Hochladen der neuen Versionen in die wachsende Anzahl an App-Stores und die nötige Administration einen erheblichen Aufwand für das Unternehmen – und dies für jedes einzelne Update.

Die häufigsten Ursachen für Aktualisierungen sind «Bugfixes», gefolgt von Inhaltsauffrischungen, neuen Features, Interface-Verbesserungen oder sogar für die Integration von Werbung. Solche Updates bieten dem Nutzer meist nur wenig Mehrwert. Darum verwundert es auch nicht, dass viele ihre Apps nur selten aktualisieren. Das wiederum fordert die App-Anbieter: Nicht nur müssen sie weiterhin alte App-Versionen unterstützen, ihnen fehlt auch die Möglichkeit, wichtige Neuerungen auf alle Geräte zu spielen. Die manchmal angewandte Variante, alte Versionen einfach zu sperren und die Nutzer zum erneuten Download im App-Store zu zwingen, ruft meist grosse Irritationen hervor.

HTML5 kann nativen Apps (noch) nicht das Wasser reichen

Gefragt ist die Möglichkeit, Apps direkt auf den Endgeräten zu aktualisieren. Mit der richtigen Architektur und entsprechender Software ist dies auch möglich. Eine solche Lösung hat zudem den Vorteil, dass die Apps dynamischer gestaltet werden können. Sie bieten dem Anwender ein lebendiges Erlebnis, das eine häufigere Nutzung bewirkt. Auch hier gilt die alte Website-Weisheit: Nur regelmässige, nützliche Neuerungen bringen die Nutzer immer wieder zurück. Eine direkte App-Aktualisierung ermöglicht nicht nur eine Reduktion des Verwaltungsaufwands, sondern auch ganz neue App-Konzepte.

Die beschriebenen Herausforderungen im App-Management haben schon viele Anbieter von «nativen Apps», wie die gemeinhin bekannten Apps im Fachjargon genannt werden, nach Alternativen suchen lassen. Gerade HTML5, das heisst für Mobilgeräte optimierte Websites, wird oft als Zauberwort und die Lösung aller Probleme genannt. Eine plattformübergreifende Technologie, mit der die Herausforderungen in App-Entwicklung, -Distribution und -Aktualisierung angeblich vom Tisch gewischt werden können.

Was in der Theorie vielversprechend klingt, zeigt in der Praxis seine Schwächen: Die Nutzung bei schwacher oder keiner Internetverbindung ist schlecht bis unmöglich. Nicht gerade ideal für mobile Applikationen, selbst in einem relativ gut vernetzten Land wie der Schweiz. Auch die fehlende Unterstützung für die Gerätefunktionen wie Kamera, E-Mail, Kompass oder der Push-Notifikation macht manch attraktives App-Konzept unmöglich. Darüber hinaus kann der fehlende Absatzkanal durch die mächtigen App-Stores enorme Kosten in der Vermarktung verursachen.

HTML5 wird sich weiter entwickeln, doch wird die Technologie in naher Zukunft den Vorteilen nativer Apps nicht das Wasser reichen können. Denn bis das HTML- Konsortium sich über die Interpretation gängiger Themen geeinigt und das Resultat umgesetzt hat, können aus Erfahrung einige Jahre vergehen. Das zeigt sich beispielsweise bei den Kameras in Smartphones. Obwohl diese schon seit Jahren in jedem schlauen Mobilgerät zu finden sind, steckt die HTML5-Unterstützung dafür noch immer in den Kinderschuhen. In der Unterstützung von Funktionen, die generell etabliert sind, hat HTML5 durchaus seine Berechtigung und wird für diese auch vermehrt eingesetzt werden. Doch um auf dem neusten Stand der App-Entwicklung mitzumischen, kommen Entwickler um native Komponenten nicht herum – erst recht nicht, wenn sie mit der rasanten Entwicklung in Hardware und Betriebssystemen mithalten müssen.

Idealerweise verbindet man in den Apps HTML5 und native Technologien, um beide ihre Stärken ausspielen zu lassen. Das Resul- tat sind sogenannte «hybride» Applikationen, die die Cross-Plattform-Synergien von HTML mit dem Funktionsumfang und Nutzererlebnis nativer Apps kombinieren und darüber hinaus neue Möglichkeiten im App- Design bieten.

Wer sich heute nicht rüstet, wird hohe Kosten ernten
Die Thematik des App-Managements hat in letzter Zeit enorm an Wichtigkeit gewonnen. Die Anforderungen an mobile Applikationen – und somit ihre Komplexität und der Aufwand für ihren Unterhalt – sind stark gestiegen. Mit dem Erfolg von Android ist auch die Unterstützung dieser Plattform meist Pflicht, was den Entwicklungs- und Verwaltungsaufwand multipliziert.

Ein Ende ist nicht absehbar. Wir kennen die Strategien der Hersteller für die nächste Zeit nicht. Klar ist, dass neue Betriebssysteme, neue Hardware und generell neue Möglichkeiten in rasanter Geschwindigkeit auf uns zukommen. Klar ist auch: Wer sich nicht heute schon mit der entsprechenden Planung und Technologie für das App-Management auf mehreren Plattformen rüstet, wird bald mit grossen Kosten konfrontiert werden.

Originalartikel:
www.netzwoche.ch

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