Robin Wirz (Gastauthor), Netzwoche, 20. Juni 2012

Die Entwicklung und Verwaltung mobiler Anwendungen stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen, die mehr als klassisches Application Lifecycle Management verlangen. Neben der generellen Dynamik und Marktfragmentierung bereitet vor allem die mangelnde Kontrolle Schwierigkeiten.

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Unternehmen setzen immer mehr auf mobile und zunehmend komplexere Apps. Das erfordert nicht nur eine sorgfältigere Planung, sondern auch entsprechende Technologien. Um den Lebenszyklus mobiler Anwendungen zu steuern, orientierte man sich bisher am klassischen Application Lifecycle-Management. Doch dies genügt nicht mehr, um den Besonderheiten der mobilen Welt gerecht zu werden. Deren enorme Dynamik fordert ständige Anpassungen – nicht selten schon während der Konzept- oder Entwicklungsphase, spätestens aber kurz nach der App-Lancierung. Erschwerend hinzu kommt die schiere Zahl an unterschiedlichen Geräten und die indirekte Distribution via App-Stores.

 

App-Stores behindern Kontrolle

Die App-Stores führen zu einem Kontrollverlust über die eigenen mobilen Anwendungen. Apps müssen auch bei Aktualisierungen oft einen mehrtägigen Überprüfungsprozess durchlaufen, der beispielsweise verunmöglicht, Fehler rasch zu berichtigen. Besonders schmerzlich erlebte dies der US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. Ein fest in der App eingebauter Tippfehler im Wahlkampf-Slogan konnte erst mit grosser Verzögerung korrigiert werden. In dieser Zeit liessen sich Medien und Blogszene genüsslich über “A Better Amercia” (statt “A Better America”) aus. Weil sich der falsche Claim schon zu fest in den Köpfen festgesetzt hatte, endete die Geschichte mit einer kostspieligen Änderung der Wahlkampf-Kampagne.

Auf einer Website hätte ein solcher Fehler innert Minuten aus der Welt geschafft werden können. Bei der iPhone-App jedoch dauerte es viel länger, weil die korrigierte Version erneut bei Apple zur Durchsicht eingereicht werden musste. Dies ist nur ein Beispiel, wie mobiltypische Begebenheiten spezielle Anstrengungen in der Planung, Entwicklung und Verwaltung von Apps erfordern. Mit einer besseren Qualitätskontrolle und einer dynamischen Aktualisierung wäre Romney dieser Lapsus erspart geblieben.

 

Besonderheiten beim Mobile Application Lifecycle Management

Design & Planung
Wo eine App heute und in Zukunft eingesetzt werden soll, ist eine der ersten Fragen. Neue Hardware und Betriebssysteme kommen fast im Wochentakt auf den Markt geworfen. Die Vielzahl an Geräten mit unterschiedlichen Hard- und Softwarevarianten – bei Android allein schon rund 4’000 – machen den Entscheid nicht leicht. Verlässliche Marktdaten sind kaum zu finden und niemand weiss, wie die Lage in ein paar Monaten aussehen wird. Planungssicherheit sieht anders aus.

Um morgen Synergien zu nutzen und den Verwaltungsaufwand im Griff zu haben müssen Zukunftspläne bereits heute bei Architektur und Technologie berücksichtigt werden. Bei der Wahl der Architektur ist ausserdem darauf zu achten, welche Teile der App dynamisch aktualisiert werden sollen, um Änderungen und Neues schnell und direkt auf die Endgeräte zu bringen.

Besonderes Augenmerk muss auf die Offline-Funktionalität gerichtet werden, da Bandbreiten selbst in der Schweiz oft nicht im gewünschten Ausmass verfügbar sind. Wie die App auch ohne Internetverbindung funktioniert muss genau konzipiert werden, um stets ein ansprechendes Nutzererlebnis zu bieten. Technisch ist vielleicht ein Synchronisationsmechanismus einzusetzen, mit dem aktualisierte Daten für den späteren Offline-Einsatz auf die Geräte gespielt werden können.

Das visuelle Design setzt ebenfalls neue Massstäbe. Die mobilen Nutzer sind diesbezüglich schon sehr verwöhnt. Mobil sein heisst Bewegung. Eine mobile App muss im Tram, Restaurant, ja sogar im Gehen gut bedienbar sein.
Entwicklung & Testing

Entwickler mobiler Applikationen müssen sich mit mobiltypischen Bedingungen wie limitierte Bandbreite, Offline-Verhalten, Speichermanagement und Geräteerkennung gut auskennen. Zudem erfordern die verschiedenen Plattformen, die teilweise auf unterschiedliche Technologien setzen, oftmals mehrere Entwickler mit entsprechenden Fähigkeiten.

Daten auf den Endgeräten sollen offline verfügbar und dennoch stets aktuell sein. Das stellt hohe Anforderungen an die Datensynchronisation. Aktualisierungen müssen schon serverseitig so vorbereitet sein, dass nur minimale Datenmengen synchronisiert werden.
Wie die Nutzer sehen sich auch Entwickler mit schnell ändernden Bedingungen der Plattform- und Storeanbieter konfrontiert. Dass ein definierter Ansatz mitten in der Entwicklung plötzlich nicht mehr möglich ist, kann durchaus vorkommen. So hat beispielsweise Apple plötzlich keine Apps mehr akzeptiert, die den Unique Device Identifier (UDID) zur Geräteerkennung benutzen. Kontrollieren und voraussehen lässt sich Solches nicht. Flexibilität und Kreativität sind also auch für Entwickler wichtig.

Das Testing mobiler Applikationen ist herausfordernd und kann einen immensen Aufwand verursachen. Einerseits wegen der erwähnten Gerätevielfalt, andererseits, weil die Apps auch in verschiedenen Situationen, wie z.B. bei unterschiedlichen Bandbreiten, getestet werden sollten. Dazu kommt, dass kaum ein Entwickler über all die benötigten Geräte verfügt, schon gar nicht vor ihrer Markteinführung. Simulations- und “Autotesting”-Programme schaffen hier Abhilfe. Allerdings arbeiten solche Hilfsmittel nicht immer vollkommen zuverlässig. Testen auf echten Geräten bleibt also zumindest für die wichtigsten Modelle unerlässlich. Eine Aufgabe, die vermehrt von spezialisierten Testing-Firmen übernommen wird.

Deployment & Aktualisierung
Während die Distribution, also das Deployment, von Publikums-Apps relativ einfach ist, ist sie bei einem beschränkten Nutzerkreis komplizierter. Anwendungen für die breite Masse werden einfach in die App-Stores eingeliefert, wo sie – je nach Betreiber – noch durchleuchtet werden. Abgesehen von möglichen Verzögerungen bei Beanstandungen läuft dies meist reibungslos.

Für firmeninterne Apps werden oft eigene App-Stores eingerichtet. Dabei helfen Mobile Device Management (MDM) Lösungen, die auch ermöglichen, Mitarbeiterendgeräte detailliert zu kontrollieren.

Wenn solche Firmenapplikationen zusätzlich für Partnern, Distributoren oder Kunden verfügbar sein sollen, wird es schwieriger. Mittlerweile existieren aber auch hierfür einige Lösungen für die gezielte Distributions- und Zugriffskontrolle.

Die App-Aktualisierung birgt noch mehr Tücken. Während Inhalte mit der richtigen Architektur direkt auf die Geräte gespielt werden können, gleichen Änderungen in Design und Funktionalität oft einer Neulancierung. Je nach Store ist dafür jedes Mal ein mehrtägiger Prüfprozess zu durchlaufen. So können technische und inhaltliche Probleme oft nur mit grossen Verzögerungen eliminiert werden. Schlimmer noch: Mit einer neuen Version im App-Store sind Fehler noch nicht behoben, denn die Nutzer müssen die neue Anwendung auch erst noch installieren. Manche tun dies erfahrungsgemäss nur sehr selten. So bleiben nicht nur Fehler länger als gewollt bestehen, auch allgemein müssen ältere Versionen einer App meist noch lange unterstützt werden.

Die mangelnde Kontrolle über die eigenen Applikationen ist demnach ein zentraler Unterschied zwischen mobilem und klassischem Application Lifecycle-Management. Glücklicherweise entstehen auch hier neue technische Lösungen, die dynamische Aktualisierungen ermöglichen und diese Probleme weitgehend entschärfen.

Überwachung & Analyse
Eine umfassende Überwachung der Performance wie auch eine detaillierte Nutzungsanalyse fehlen heute bei den meisten Apps, was unter anderem dazu führt, dass Probleme oft lange nicht erkannt werden.

Fehlende Analysemöglichkeiten wiederum sind technisch und konzeptionell problematisch: Ohne detaillierte Zahlen zur App-Nutzung können weder der Erfolg gemessen, noch die richtigen Prioritäten für die Weiterentwicklung gesetzt werden. Ausserdem lassen sich kaum Entscheidungen über zu unterstützende Plattformen, Betriebssysteme und Gerätetypen fällen, wenn konkrete Zahlen über die eingesetzten Endgeräte fehlen. Die hierfür nötigen Technologien existieren, aber sie werden noch viel zu wenig eingesetzt.

 

Die mobile Welt meistern
Schnell ändernde Technologien und Konsumverhalten der Nutzer fordern ein angemessenes Lifecycle-Management für mobile Applikationen. Wollen Unternehmen erfolgreich sein und die Kontrolle behalten, müssen sie sich den neuen Herausforderungen stellen und schon heute in die richtigen Technologien investieren.

Originalartikel:
www.netzwoche.ch

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